Freitag, 29. Mai 2020

Normal

Normal - steht oben bei der Schriftart. Das Wort "normal" hat in den letzten Tagen eine neue Bedeutung bekommen, jedenfalls in meinen Ohren.

Normal ist irgendwie das, was ich gewohnt bin. Wäre ich in einer Kultur aufgewachsen, in der sich die Leute zur Begrüssung vor dem andern verneigen und dazu die Hände wie beim Beten zusammenhalten, wäre das für mich ganz normal.

Ist es jetzt normal, eine Schutzmaske zu tragen, oder doch nicht? Haben Sie sich bereits an das Bild gewöhnt?
Ist es normal, dass wir einander die Hände nicht mehr reichen zur Begrüssung? Aendert das etwas in den Beziehungen der Menschen zueinander?

Irgendwie hat das Wort "normal" etwas Technisches an sich. Meint es doch: Einer Norm entsprechend. - Als ich heute die Menschen Revue passieren lasse, die ich kenne, wird mir klar: Da entspricht keiner einer Norm. Jede und jeder hat seine Eigenheiten. Zum Glück, würde ich sagen.



Wenn ich ein Unwort des Jahres 2020 wählen dürfte, es wäre das Wort: "Neue Normalität". Ja wer sagt mir denn, was normal ist? Wer gibt eigentlich vor, was Menschen zu glauben, zu denken und zu fühlen haben?

Da regt sich in mir der reformierte Geist: Reformiert sein, selber denken!

In diesem Sinne ermutige ich jede und jeden von Ihnen, selber zu denken und zu beurteilen, was für Sie zur Norm gehört und was nicht. Und selber mitzuentscheiden, in welche Zukunft wir gehen werden.

In diesem Sinne Pfingstliche Grüsse

Ihre Pfarrerin Sonja Glasbrenner

Mittwoch, 13. Mai 2020

Meinungen

Liebe Leserin, lieber Leser

Ja, wenn wir die Wahrheit wüssten...
Ich bin ein Mensch, der Wert darauf legt, dass Aussagen mit dem, was geschehen ist, übereinstimmen, und dass der Wahrheitsgehalt einer Forschungsstudie richtig angegeben ist.
Aber wie kann das ein Laie überprüfen?

In den letzten Wochen hat mich dieses Thema ständig begleitet. Den Kritischen unter Ihnen ist es sicher auch so gegangen. Wenn wir mehr Hintergründe erfahren würden, besser informiert würden, könnten wir das, was weltweit geschieht besser einordnen.

Es gibt Menschen, die für eine transparentere Informationspolitik Mahnwachen im öffentlichen Raum halten. - Und es gibt solche, die sich über diese Menschen empören.

Auf einem blog stand eine bemerkenswerte Erkenntnis:

Jedes Ding hat drei Seiten - die Seite, die ich sehe, und die Seite, die du siehst.
Und eine Seite, die wir beide nicht sehen.



Ich fand es ermutigend, dass jemand so denkt! Wer sich bewusst ist, dass er nur eine Seite einer Entwicklung sieht, verliert an Sicherheit. Aber er kommt der Wahrheit näher.
Wer weiss, dass seine Erkenntnisfähigkeit begrenzt ist, lässt sich eher darauf ein, seinen Horizont zu erweitern.
Wer weiss, dass der andere mit demselben Recht die Sache anders sieht, wird dialogbereit.


Montag, 4. Mai 2020

Schrecken

Im Wynethaler lese ich die Zeilen eines Pfarrkollegen, der eine kleine Geschichte über den Schrecken schreibt.

Jeder Mensch hat einen Schrecken, die Menschen halten ihn sozusagen als ihr Haustier. Die einen haben einen kleinen Schrecken, andere haben einen grossen Schrecken. Es sind unansehnliche Haustiere, man könnte vor ihnen erschrecken. Und so verbergen die Menschen sie lieber voreinander. Die Schrecken begleiten die Menschen im Leben - und sie haben eine Eigenschaft: sie können nur wachsen, nicht kleiner werden. Viele Menschen tun so, als hätten sie keinen Schrecken; aber jeder weiss, dass alle ein solches Haustier bei sich haben.

Ich fand die Geschichte sehr passend zur aktuellen Lage. Durch die Massnahmen, die über Nacht eingeführt worden waren, ist einfach deutlicher als sonst sichtbar geworden, dass wir Menschen erschrecken können.

Schrecken - das ist etwas Plötzliches, auch etwas, das wieder vorbeigehen sollte. Sobald wir wissen, wer oder was uns erschreckt hat, sollte der Schrecken wieder kleiner werden. Insofern bin ich nicht ganz damit einverstanden, dass Schrecken nur wachsen können. In der Traumabehandlung geht man davon aus, dass Schrecken auch verblassen können.

Mir kommt eine Aussage von Dietrich Bonhoeffer in den Sinn. Er stellt fest, dass ein Mitmensch Angst zeigte und schreibt: Ich frage mich, ob die Angst nicht auch zu den Pudenda gehört. - Will heissen: ob man sich seiner Angst nicht schämen und sie besser verbergen sollte...

Angst scheint mir noch etwas Tiefergreifendes als Schrecken zu sein. Sie ist langwierig, kann ohne aktuellen Anlass in einer Menschenseele sein. - Wenn die Angst erkannt und benannt wird, kann man ihr begegnen. Deswegen meine ich, dass über Aengste vermehrt gesprochen werden sollte. Auch und gerade in der jetztigen Weltlage.

Der Autor der Schrecken-Geschichte meint nämlich auch: Die Menschen müssen zusehen, dass sie einen Schrecken haben - und nicht umgekehrt. Dass der Schrecken nicht zu viel Macht über ihr Leben gewinnt.

Ich wünsche Ihnen einen unerschrockenen Monat Mai!



Donnerstag, 30. April 2020

Fahrplan

Ein Zeichner aus der Ukraine hat den Wissensstand zum Coronavirus und das Wissen um den Fahrplan zu den weltweiten Massnahmen auf den Punkt gebracht:



Selbstwert

Liebe Leserin, lieber Leser

Was gibt uns Menschen unseren Wert? - Für mich eine zutiefst religiöse Fragestellung.
Heute bekam ich eine Umfrage des Herderverlags. Die Fragen zielten darauf, ob der Mensch seinen Selbstwert vor allem aus seiner Arbeitsleistung schöpft.

Jetzt, da viele nicht arbeiten können wie gewohnt, keine direkten Rückmeldungen auf ihre Arbeit bekommen, wird sichtbar, worauf sie ihren Wert gründen. Auf Anerkennung am Arbeitsplatz? Auf ihre beruflichen Leistungen?

Woraus beziehen Sie Ihren Wert? - Als Alternativen konnte man z.B. auswählen: Kontakt zur Familie, gut für sich selber sorgen, Hilfeleistungen für andere, aus meiner Beziehung zu Gott.






Mir scheint, dass in unserer Gesellschaft der Wert eines Menschen zu eng verstanden wird - zumindest unbewusst wird das vermittelt. Schulische Leistungen, sportliche Leistungen, Karriere, berufliche Leistungen.... Welche Erweiterungen des Wertes eines Menschen kommen Ihnen noch in den Sinn? - Wie wäre es  mit: Staunen können, Offenheit für die Wunder der Natur, spielerisch leicht durch den Tag gehen können, andere zum Lachen bringen, humorvoll sein, dankbar sein, sich zurücknehmen können, selbstverständlich da sein, geduldig sein, einen guten Gerechtigkeitssinn haben.... Sie finden sicher noch 100 weitere Werte...

Entlastend ist es auch, sich von Zeit zu Zeit bewusst zu werden, dass mir mein Wert von aussen zugesprochen wird. Es ist Gott selber, der mir durch seine Zuwendung und durch seine Perspektive für mich meinen Wert gibt. - Weil du wertgeachtet bis in meinen Augen...

Diese Grundlage kann uns niemand nehmen.





Freitag, 24. April 2020

Jede Minute

Jede Minute

Kostbar der Herzschlag
jeder Minute
sie schenkt dir den Atem
erlaubt dir anzufangen
aufs neue

In deinem Augenstern
kreist die verwirrende Welt
ruht das Himmelsherz
jede Minute


Rose Ausländer


Die Welt war und ist immer verwirrend. Wir Normalos bekommen nie wirklich zu wissen, was gerade weltpolitisch läuft. Es kreist darum die verwirrende Welt.

Die Dichterin setzt dem Treiben einen Kontrapunkt entgegen: Der Mensch gehört auch zum Ursprung des Lebens, zum guten Schöpfer, zur Quelle. Seine Mitte ist jenseits von Raum und Zeit, im Himmel.
Das Himmelsherz ruht in dir.

Möge diese Ermutigung auch Ihr Inneres erreichen!




Enge und Weite

Sehr interessant ist es für mich zu beobachten - bei mir selber und bei vielen Mitmenschen - wie sich die äussere Abschottung innerlich abbildet. Viele Menschen erlebe ich als zugänglicher.

Da die meisten mehr Zeit zur freien Verfügung haben, kommen längere Gespräche zustande.
Aber nicht nur das. Die Gespräche sind persönlicher und tiefgreifender als in vergangenen Zeiten.

Diese Bewegung zu beobachten finde ich tröstlich. Mitten in all den beängstigenden Entwicklungen findet das Leben im Innern der Menschen seinen Weg.

Wahrscheinlich machen die meisten von Ihnen ähnliche wertvolle Erfahrungen.




Unter "Kommentar schreiben" können Sie darüber berichten.

Montag, 20. April 2020

No fun

Dass wir nicht reisen können ist für viele, die sich auf ihre Ferien gefreut haben, nicht einfach.
Aber noch jemand stören die leeren Strände:






Donnerwetter! Keine Leute.


Ich hasse es, wenn es hier keine Menschenmenge hat!

Wie entsteht die Zeit?

Liebe Leserin, lieber Leser

Vor vielen Jahren las ich ein Gedicht mit dem Titel: Wie entsteht die Zeit?
Ich erinnere mich an die Zeile: Ein Vogel pfeift dir ins Ohr - so entsteht die Zeit!

Wahrscheinlich haben Sie in diesen Tagen auch ein anderes Zeitempfinden.
Können Sie die Freiräume auch wahrnehmen? Bringen Ihnen die Freiräume eine neue Lebensqualität?

Wenn wir uns nicht zu sehr mit dem belasten, was in der Welt gerade geschieht, dann können wir die Frühlingssonne, den Wind und die frischen Blätter geniessen.
Bei einem Spaziergang durch den Wald, mit all den Vogelstimmen, bekommen wir Zeit.
Zeit für uns, Zeit um durchzuatmen.

Zeit entsteht für mich immer auch in Begegnungen. Ich erlebe, wie viele Menschen offener und gesprächsbereiter geworden sind - auch solche, die ich zum ersten Mal sehe.

Lustig waren die beiden Mädchen, die im Garten spielten. Sie wollten unserer Hündin "hoi" sagen und ihren Namen wissen. Dann erklärten sie, dass sich gerade eine ihrer Schildkröten unter dem Stein dort versteckt hat.

Kinder beim Spielen - Schildkröten im Garten... ja, so entsteht die Zeit.

Eigentlich wollte ich Ihnen schon lange von den beiden Frauen im Refental erzählen. Sie waren mit Arbeiten rund um ihr Haus beschäftigt.  Wir kamen ins Gespräch, und erst nach einiger Zeit bemerkte mein Partner Andi, was auf den Sweatshirts der beiden (sie trugen dasselbe Design) zu lesen war: Take your time. - Nimm deine Zeit! Wir sagen wohl eher: Nimm dir Zeit!



Ja, wie wird Zeit zu meiner Zeit? Wenn diese Wochen etwas Gutes haben, dann ist es für mich, dass sie mir einen neuen Zugang zu meiner Lebenszeit eröffnen. Ich kann etwas verschwenderischer damit umgehen, muss nicht jede halbe Stunde einplanen, bin weniger durchgetaktet.

Wenn sich etwas aus diesen Wochen zu behalten lohnt, dann ist es für mich eine neue Erfahrung von Zeit. Vielleicht steht meine Lebenszeit dann wirklich wieder in Gottes Händen. Wer weiss.

Freitag, 17. April 2020

was nun?




Nachdem wir uns an die veränderte Wirklichkeit gewöhnt hatten, beginnen die Regierungen, das Alltagsleben von den Einschränkungen zu befreien.

Die Frage, die nun beschäftigt: Welche Vorsichtsmassnahmen sind nötig und sinnvoll?

Bei all den Meldungen und Einschränkungen scheint mir eines wichtig: Dass wir den Humor nicht verlieren! Lachen befreit und stärkt bekanntlich das Immunsystem.

Vielleicht mögen Sie auch nach Dingen in Ihrem Alltag suchen, die sie komisch finden, und die Sie zum Lachen anregen.

Ich wünsche Ihnen ein humorvolles Wochenende!

Samstag, 11. April 2020

Osterkerze Aufbruch

Aufbruch

Das Kreuz bricht auf,
bewegt von innen,
entfaltet sich vielfältig
in kostbarem Gold.

Jesu Geist in der Mitte.
Baum des Lebens.

Menschen erahnen:
"Christus lebt,
ist mit uns auf dem Weg."

Sie trauen der Verheissung,
brechen auf,
werden kreativ

in Gottes neuer Schöpfung.


morgen wäre Ostersonntag

Liebe Leserin, lieber Leser

Morgen ist Ostern, werden wohl die meisten protestieren. Nun ja - natürlich: wie schrieb der Buchhändler aus Olten (Post 1.4.2020): Ostern kann uns niemand nehmen! - Die Kirche und unser christlicher Glaube basiert auf einer Gegenwelt, schreibt Peter Bichsel (Post 10.3.2020).

Es ist eine Gegenwelt, aber nicht nur. Die Wirklichkeit Gottes durchdringt unsere Welt, darum erleben Menschen, wie sie hier und heute etwas von der Gnade und vom Licht und vom Heilshandeln Gottes in ihrem Leben erfahren dürfen.

Für dieses Erfahren brauchen wir aber auch Zeichen. Wir brauchen Begegnungen - mit Gott selber und mit unseren Mitmenschen. Sonst wird der Glaube blutleer. Wir brauchen Erfahrungen, damit der Glaube nicht nur ein Gedankengebäude oder ein Für-wahr-halten bleibt.

Mir selber fehlt dieses Jahr etwas Wesentliches an Ostern, weil ich keinen Gottesdienst mit der Gemeinde feiern kann. Das Zusammenkommen vor Gott, das Bedenken der Osterbotschaft, das Abendmahl, die Musik und die Lieder... alles Zeichen und Worte und Klänge, durch die Gott zu uns spricht und in uns wirkt.

Morgen gehe ich allein in unsere Kirche und werde die neue Osterkerze einweihen.
Seitdem Jesus Christus sein Leben gelebt hat, seit er sich töten liess und vom Urgrund allen Seins in eine neue Existenz auferweckt wurde, ist das ewige, göttliche Leben auf besondere Weise mit unserer begrenzten Welt verbunden.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie etwas von der Lebenskraft, die am Ostertag in unsere Welt kam, spüren können.

Mit herzlichen Osterwünschen

Sonja Glasbrenner

Die Osterpredigt können Sie als MP3 aufrufen (Predigten, Ostern) und 4 Lieder hat Christine Stäuble für Sie diese Woche in der Kirche gespielt! Auch diese können Sie als MP3 aufrufen, die Texte dazu finden Sie neben der Musik als PdF. Ich danke Christine, Jakob und Andi, dass sie die Tonaufnahmen für Ostern ermöglicht haben!






Freitag, 10. April 2020

Schriftsteller über Kirche

Karfreitagmorgen. Die Glocken läuten wie gewohnt um 8.20 und um 9.20.
Sie läuten zu einem Gottesdienst, der nicht stattfindet - für Gemeindemitglieder, die keinen Gottesdienst besuchen können.

Am Wynaufer treffe ich viele Bekannte und auch Unbekannte. Wir tauschen unsere Erfahrungen und Gedanken zur Lage aus.

Am Nachmittag fällt mir ein Text von Peter Bichsel zu. Ich finde ihn nicht nur heute, sondern auch bei all dem, was ich die letzten Jahre durch beobachten kann, bedenkenswert:

Was wäre ich ohne sie?

Ich weiss nicht, was ich wäre ohne sie: von ihr habe ich die Lust zur Minderheit, das christliche Versprechen. Ich meine damit, dass das Versprechen des Jesus von Nazareth für mich das Versprechen einer Gegenwelt ist, und dieses Versprechen hat mich für immer geprägt, weil ich zu dessen Einlösung keine Mehrheit brauche, weil es in der Minderheit und Machtlosigkeit einlösbar ist- dies im Unterschied zu allen politischen Versprechen, die nur mit der Mehrheit einlösbar sind....
Meine Dankbarkeit verbietet mir, ihr meinen Obolus zu entziehen. Die Kirche hat irgendwo immer noch meine Sympathie - nicht etwa als Rückversicherung, aber als Erinnerung. Ich erinnere mich, und sie erinnert mich. Peter Bichsel

(aus: Schulmeistereien, Frankfurt 1985, S. 118f.)

IMG 0385

Donnerstag, 9. April 2020

Angst und Zweifel

Angst und Zweifel

Zweifle nicht an dem
der dir sagt
er hat Angst
aber hab Angst vor dem
der dir sagt
er kennt keinen Zweifel

Erich Fried

Dienstag, 7. April 2020

Wirkungen




Es gehört zu einem weisen Umgang mit sich selber, dass man sich nicht mehr Bilder und Infos zumutet, als man ertragen kann.
Das hat der Zeichner liebevoll bedacht.

Montag, 6. April 2020

Gebet zur Passionszeit

Gott, zu Dir rufe ich!
In mir ist es finster,
aber bei Dir ist das Licht;
ich bin einsam,
aber Du verlässt mich nicht;
ich bin kleinmütig,
aber bei Dir ist die Hilfe;
ich bin unruhig,
aber bei Dir ist der Friede;
in mir ist Bitterkeit,
aber bei Dir ist die Geduld;
ich verstehe Deine Wege nicht,
aber Du weisst den Weg für mich.

Dietrich Bonhoeffer


Diese unmittelbaren Worte von Dietrich Bonhoeffer aus dem 2. Weltkrieg atmen noch heute den Klang von Hoffnung und Vertrauen in unsicheren Zeiten.

Vielleicht sprechen sie auch die LeserInnen in dieser Karwoche an.

Sonntag, 5. April 2020

Ganz zufällig stiess ich vor ein paar Tagen auf ein Gedicht von Kurt Marti, das in die aktuelle Situation hineinspricht:

körperkirche

die kirche
des geistes
sind unsere körper
(schrieb der epileptiker
einst nach korinth)
darum dann:
umarmungen küsse
und heilige mähler
erst später:
kirchen aus stein

Kurt Marti (Die Liebe geht zu Fuss. Ausgewählte Gedichte, Zürich 2018)


Giotto (di Bondone), 1266-1337, Das letzte Abendmahl

Samstag, 4. April 2020

Bild zur Lage

Liebe Seherin, lieber Seher

Deine/Ihre Gedanken zu diesem Bild (zur aktuellen Lage, in der wir alle sind), kannst du/können Sie gerne unter Kommentar hinschreiben.




Ich wünsche Ihnen/dir ein entspanntes und gelingendes Wochenende!

Sonja Glasbrenner

Freitag, 3. April 2020

Tipp: TeleM1 Gottesdienst vom 29.3.2020

Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben, spricht der Herr.





Unter diesen Worten stand der Gottesdienst, der am 29.3.2020 aus der Stadtkirche Aarau gesendet wurde. Die Gedanken darin empfand ich als sehr hilfreich, ich kann die Sendung empfehlen.
Sie können den Gottesdienst noch immer ansehen, der link dazu ist auf unserer homepage,
ref-graenichen.ch aufgeschaltet. Der Bibeltext steht in Jer. 29.1-15.

Der Prophet Jeremia wendet sich in Kap. 29 an seine Volksgenossen, die in der Verbannung, in Babylonien leben. Die Situation gefällt den Leuten nicht, am liebsten würden sie in ihr Land zurückkehren. - Jeremia verheisst ihnen aber keine baldige Rückkehr - im Gegenteil: Sie werden noch lange in Babylonien bleiben müssen, die symbolische Zahl für eine abgerundete Zeitspanne,
70 Jahre, wird genannt.
 - Gefangen sein in einer ungemütlichen Situation, die sich fast niemand hat ausmalen können, die für viele zu einer existenziellen Frage wird. Wie lange dauert der lock down noch? Diese Frage beschäftigt wohl die meisten in diesen verrückten Tagen: Wie lange wird es noch gehen, bis jede und jeder wieder sein gewohntes Leben leben kann? Wie lange müssen alle KMUs und Selbständigerwerbenden noch durchhalten?

Jeremia gibt den Menschen damals eine praktische Lebensanweisung für die kommenden Jahre. Sie sollen sich in der neuen Situation einrichten, ihr Leben weiterleben. "Baut Häuser und wohnt darin, pflanzt Gärten und esst ihre Frucht, verliebt euch und gründet Familien."

Im persönlichen Leben soll für die Menschen in der Verbannung alles gut weitergehen. Sie sollen sich organisieren und ihre Zukunft in die Hand nehmen.

Gelingt Ihnen das in diesen Tagen? Oder werden die Schatten all der Medienmitteilungen manchmal zu mächtig? Oder die Schatten der Sorge um die eigene (wirtschaftliche) Zukunft?
Was hilft Ihnen dann in solchen Momenten?

Sich immer neu für das Leben entscheiden. Auf welcher Grundlage, mit welchen Hilfestellungen ist Ihnen dies möglich?

Hilft Ihnen Ihr Glaube, einen Weg vor sich zu entdecken? In Jeremia 29.11 ff. spricht Gott seinem Volk Mut zu. Sie sehen zwar noch nicht viel von seinem Handeln, die Umstände sind nicht wunschgemäss, aber sie sollen hoffen. Gott spricht den Leuten Hoffnung zu: Denn ich, ich kenne die Gedanken, die ich über euch denke, Gedanken des Friedens und nicht zum Unheil, um euch eine Zukunft zu geben und Hoffnung. Und ihr werdet mich rufen, und ihr werdet kommen, und ihr werdet zu mir beten, und ich werde euch erhören. Und ihr werdet mich suchen, und ihr werdet mich finden, wenn ihr nach mir fragt mit eurem ganzen Herzen.

Gibt es Momente in diesen Tagen, die Sie hoffen lassen? Begegnungen und Gedanken, in denen Sie dem Leben trauen können? Gibt es etwas, das in Ihnen die Gewissheit weckt, dass sich die momentane Lage wieder zum Guten wendet?






Mittwoch, 1. April 2020

Querverbindungen eines Buchhändlers

Liebe Leserin, lieber Leser

Vor ein paar Tagen bekam ich eine Werbemail der Buchhandlung Klosterplatz, eine christliche Buchhandlung in Olten und eines der wenigen Geschäfte, bei denen man noch Bücher mit Krippenspielen bestellen kann. Daher bin ich mit dieser Buchhandlung verbunden. Auf der ersten Seite war zu lesen:

"Die heilige Corona (auch: Korona)* um 160 in Ägypten oder Syrien; † 177; ist eine frühchristliche Märtyrin.Sie ist die Patronin des Geldes (!), der Fleischer und Schatzgräber. Das Patronat in Geldangelegenheiten verdankt sie ihrem Namen, der auf deutsch „Krone“ bedeutet, eine Bezeichnung für verschiedene Währungen."
Ein Virus verlängert die Fastenzeit auf unerwartete Weise. Etwas, was man von blossem Auge nicht einmal sieht, organisiert die Welt in nur drei Monaten neu. So ähnlich stelle ich mir persönlich das Wirken des Heiligen Geistes vor, nur mit anderen Auswirkungen.
Der Virus hat auch uns ausgebremst und wir werden sehen, wie wir aus diesem Schleudergang herauskommen werden. Eines ist gewiss: Ostern kann uns niemand nehmen. Christian Meyer 

Interessant der Zusammenhang zwischen dem klingenden Namen des Virus und der Weltwirtschaft. Da lasse ich alle LeserInnen gerne selber weiterdenken.




10 Kronen Münze



Aus meiner Sicht ist es nicht "das Virus", welches die Welt neu organisiert. Immer sind es Menschen, welche auf die aktuelle Situation reagieren, Menschen, welche die Geschicke der Gesellschaft und der Länder lenken. Massnahmen bringen gewollte und ungewollte Effekte hervor.

Tröstlich finde ich die Hoffnung des Buchhändlers, dass neben den belastenden Kräften auch gute Kräfte in unserer Welt am Wirken sind. Genau das vergegenwärtigen sich Menschen, wenn sie beten. Oder wenn sie sich einfach Gott zuwenden. Oder wenn sie ganz einfach darauf hoffen, dass sich etwas zum Guten verändern wird. 

Schön wäre es, wenn der Heilige Geist mit derselben Wucht unter uns Menschen wirkte, wie die Massnahmen rund ums Virus. Was würde da wohl alles geschehen? Wie würden wir verändert werden? Welche Transformationen gäbe es in unserer Gesellschaft?





Umbrüche

Liebe Leserin, lieber Leser

Wir spazierten im dichten Schneetreiben, eisiger Wind, minus Grade. Das Paar, das uns entgegenkam war angetan von unserer Hündin - und so blieben wir stehen. Bald entstand ein Gespräch mit Tiefgang. Die beiden waren aus Ostdeutschland. Die Folgen des Mauerfalls beschäftigen besonders die "Ossis" bis heute. "Wir sind damals am Morgen in einer ganz anderen Welt erwacht!" - sagte uns die Frau. Sie hat als Juristin eine Kaderstellung und arbeitet bis heute in ihrem anspruchsvollen Job mit Ingenieuren zusammen. Beruflich ging es für sie zum Glück gut weiter - aber für viele Menschen bedeutete diese andere Welt auch neue Arbeitsbedingungen und ganz andere wirtschaftliche Verhältnisse.




Auch wir sind vor rund 14 Tagen morgens in einer anderen Welt erwacht. Es gelten andere Regeln. Früher war ich unanständig, wenn ich wegen einer Erkältung jemandem die Hand nicht reichen wollte - heute kann ich es mir nicht mehr leisten, jemandem zu nahe zu treten... Hand geben? Undenkbar!

"Wir sind morgens in einer ganz anderen Welt erwacht!" - Die Realität ist uns also nicht einfach vorgegeben - Menschen schaffen sie immer wieder neu. Die meisten von uns, die "gewöhnlichen Bürgerinnen und Bürger" können da nicht gross mitreden - aber betroffen sind wir alle. Ich treffe eine bekannte Familie bei der Station Oberdorf. "Wenn ich morgens erwache, dann denke ich manchmal: Ist es wirklich so, dass meine beiden Buben daheim bleiben und mein Mann homeoffice macht? Am Morgen habe ich manchmal das Gefühl, ich sei im falschen Film!

Ich denke an all die selbstständig Erwerbenden, denen "der Laden auf unbestimmte Zeit dicht gemacht wurde". Ein Hilferuf meiner Craniosakral-Therapeutin und ein Skype-Angebot meiner Gesangslehrerin, ein Hilferuf der Schweizer Kaffeeröstereien: Bitte kaufen Sie Schweizer Kaffee... Jede und jeder von Ihnen ist sicher noch mit ganz anderen Geschäften verbunden und hat noch viele weitere Hilferufe und Meldungen bekommen. - Am Morgen sind alle KleinunternehmerInnen in einer ganz anderen Welt erwacht.

"Wir müssen uns neu erfinden", "kreative Lösungen finden"... Die einen schaffen das leicht und schnell - andere stehen unter Schock und müssen das Unbegreifliche zuerst einmal begreifen.

Was hilft Ihnen persönlich, um in den veränderten Alltagsbedingungen zu leben? Um dennoch etwas Sinnvolles zu tun? Was hilft Ihnen, sich in der anderen Welt einzurichten?





Montag, 30. März 2020

Gewohnheiten

Liebe LeserInnen

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier - diesen Spruch verwenden Menschen seit Jahrzehnten. Und er stimmt. Seit drei Wochen erleben wir, wie die Spielregeln mehrmals geändert wurden. Was hat das mit Ihnen gemacht? Ein Wirtschaftsfachmann prophezeite auf DRS 1 den Verlust des Vertrauens in Wirtschaft und Politik. Wie kommen die Massnahmen bei Ihnen an?

Ich erinnerte mich in diesen Tagen oft an Tom. Mit ihm waren wir mehrmals im Kanadier auf dem Vorderrhein unterwegs. Den Fluss elegant zu überqueren war eine unserer Grundübungen. Tom liess uns den Vorderrhein auch mal mit der Kanunase nach oben überqueren. Wir fuhren also mit dem Rücken zur Strömung. "So, das machen wir, damit es euch die Synapsen mal richtig durchschüttelt!" meinte er. "Dann fahrt ihr nachher anders durch die Strömung, bekommt ein neues Gefühl für den Fluss des Wassers."

Die Synapsen wurden bei mir in den letzten Tagen heftig durchgeschüttelt. Mehr Fragen als Antworten sind in mir laut geworden. Was sich allerdings nicht verändert hat, ist mein Vertrauen in Gott. Ich habe Testfragen von Prof. Noth der Uni Bern beantwortet. Sie wollte wissen, wie Pfarrpersonen die aktuelle Krise erleben und wie sie darin stehen. Bei allen Fragen, welche die Ebene des Glaubens betreffen war mein Vertrauen genau so da, wie vor den weltweiten Veränderungen. Das gibt mir persönlich Hoffnung. Erleben Sie auch, dass Ihr Vertrauen in Gott Sie in diesen schweren Tagen trägt? Wie Sie trotz der inneren und äusseren Anspannung hoffen, dass es gut kommt?

Ich höre in Gesprächen, dass Leute darauf hoffen, dass viele in diesen Tagen und Wochen ein neues Gefühl fürs Leben entwickeln. - Wieder besser spüren, was mir und andern gut tut. Klarer erkennen, was wesentlich ist. Mehr füreinander da sein, sich mehr Zeit füreinander nehmen. Schön wäre das!

Danke fürs Lesen - und vielleicht auch für das eine und das andere Ant-Wort!

Sonja Glasbrenner